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Die große Illusion: Warum die Atomkraft-Debatte an der Realität vorbeigeht

Die Rufe nach Atomenergie schallen in regelmäßiger Häufigkeit aus dem Wald und werden von den meist gleichen Scheinargumenten begleitet. Während bei erneuerbaren Energie jedes einzelne Detail möglichst negativ betrachtet wird, sind die Fans der Atomenergie bei dieser Energieform äußerst großzügig. Es werden pinke Einhörner versprochen, denn diese Art der Energieproduktion soll alle Probleme lösen. Der Blick auf die Fakten zeigt eine Realität in der die pinken Einhörner nicht vorkommen.

Negative Effekte werden ausgeblendet

Die angeblich günstige Energieversorgung ist eine Mogelpackung, den Atomenergie ist die einzige Energieform, die im Laufe der Zeit immer teurer wurde. Das liegt vor allem an gestiegenen Sicherheitsvorgaben, welche aufgrund der langen Liste an Pannen, Störfällen und Unfällen auch nötig sind.

Ein gutes Beispiel ist das englische Atomkraftwerk Hinkley Point. Der Abschnitt C ist seit 2018 im Bau. Die Inbetriebnahme ist derzeit für etwa 2030 geplant, der Termin wurde schon etliche Male nach hinten verschoben. Statt der ursprünglich geplanten 18 Milliarden Pfund, sind jetzt schon 49 Milliarden Pfund (etwa 56,5 Milliarden Euro) an Kosten aufgelaufen.

Das Projekt wird maßgeblich vom französischen Staatskonzern EDF umgesetzt. EDF musste mit über 60 Milliarden Euro Schulden zwangsverstaatlicht werden, weil ausufernde Kosten für Atomenergie in Frankreich ein Milliardengrab sind. Das hat auch schon der französische Rechnungshof festgestellt und empfiehlt daher den Ausbau erneuerbarer Energien.

Die anderen beiden europäischen AKW-Projekte in Finnland und Frankreich liefen ähnlich „erfolgreich" – massive Zeit- und Kostenüberschreitungen waren die Folge. Der Reaktor Block 3 im französischen Flamanville wurde 2024, 12 Jahre nach dem ursprünglich geplanten Fertigstellungstermin in Probebetrieb genommen. Dabei entdeckte man, dass der Reaktordeckel schadhaft ist und ausgetauscht werden muss. Daher wird im September 2026 das AKW wieder für ein Jahr abschaltet. Ohne diese Reparaturaufwände lagen die Baukosten für Flamanville Block 3 bereits bei mehr als 13 Mrd. Euro. Geplant waren 3,3 Milliarden Euro, das entspricht einer Kostensteigerung von knapp 300 %.

Zudem bleibt die Importabhängigkeit von Uran. Die meisten Uranlieferung für Atomkraftwerke kommen aus Russland mit Umweg über Kasachstan. Zudem sind die Brennstäbe für die AKWs maßgefertigt und man kann nicht einfach den Lieferanten wechseln. Dass die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen zur Bedrohung der strategischen Sicherheit wird, konnten wir 2022 schon mal austesten.

Zudem ist die angebliche CO2-freie Energieproduktion eine Mär. Im Betrieb ist das weitgehend zutreffend, aber große Emissionsmengen entstehen im Abbau und der Anreicherung von Uran. Zudem wird der massive Aufwand bei der nicht geklärten Entsorgung und dem Abbau von Anlagen vergessen. Im Endeffekt ist Atomenergie in der Treibhausgasbilanz besser als Gas, aber wesentlich schlechter als Windkraft oder Solarenergie.

Pinke Einhörner

In den letzten Jahren wurde der Begriff von kleinen, modularen Atomkraftwerken (SMR = Small Modular Reactor) hyperventiliert. Von „klein" kann man nur bedingt sprechen, denn die Kapazität liegt bei maximal 300 MW. Das entspricht knapp vier Mal dem Achenseekraftwerk.

Der Sinn von großen Reaktoren waren billigere Betriebskosten und verbesserte Sicherung gegenüber Gefahren oder Angriffen. Wie die Verteilung von vielen kleineren Atomkraftwerk übers Land diesbezüglich sinnvoll sein kann, konnte bisher nicht beantwortet werden. Die SMR-Ideen und andere Betriebskonzepte (z.B. Thorium oder Transmutation) sind entweder nur auf Powerpoint-Folien vorhanden oder im Versuchsstadium – weit weg von der kommerziellen Nutzung. Da sind pinke Einhörner wahrscheinlicher.

Es gibt zwar einzelne Unternehmen, die für diese Ideen Geld von Investoren versuchen einzusammeln, aber die meisten dieser Firmen sind so schnell verschwunden, wie sie gekommen sind.

Atomenergie ist eine politische Entscheidung

Die Produktion von Atomenergie rechnet sich nicht, daher muss der jeweilige Staat die Kosten übernehmen – vom Bau über den Betrieb bis hin zur nicht geklärten Entsorgung. Gleichzeitig übernimmt der Staat auch die Versicherung bzw. werden Atomkraftwerke gar nicht versichert, da das Risiko und die Schadenshöhe zu hoch sind. Klingt nach einem tollen Deal für eine sichere Energieversorgung?

Und es kommt noch schlimmer. Wer Atomenergie fordert, fördert fossile Energie. Denn wenn Geld in AKWs investiert wird, ständig Mehrkosten hinzukommen und der Betrieb ein Zuschussgeschäft ist, bleibt kein Geld mehr für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Wenn die Energiewende auf halber Strecke abgewürgt wird, kommen wieder fossile Energieträger zum Einsatz – mit all den bekannten Problemen, die wir endlich mal lösen sollten.

Die Energiewende ist machbar

Wir leben in der größten Transformation der letzten 150 Jahre. Wir haben die Möglichkeiten, dass jedes Gebäude Energie erzeugen und sogar zur „Tankstelle" werden kann. Die Atomkraft-Debatte ist und bleibt eine Illusion, die an der Realität vorbeigeht. Statt an solche pinken Einhörner zu glauben und weiterhin Geld in fossile Energieträger zu stecken und abhängig zu bleiben, können wir die Veränderung lokal gestalten.

Österreich hat es das beste AKW der Welt. Zwentendorf wurde zwar gebaut, ging aber nie in Betrieb. Stattdessen wurde im Jahre 2012 am Standort im Rahmen des Bürgerbeteiligungsmodells "Sonnenkraft Zwentendorf" eine PV-Anlage errichtet. 

Bild: Marlene Buchinger

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